Ich habe beschlossen zu sterben

Erst mal: Everybody, calm the fuck down! Und jetzt, wo wir alle wach sind, erzähl ich euch mal wie das für mich so ist, manisch-depressiv zu sein.

Das Hoch

Nichts macht mir mehr Angst, als die manische Phase. Ich merke nämlich nicht, dass ich in die Manie wechsel und wenn ich es merke, bin ich meist schon über den Zenit hinweg und auf dem Weg nach unten. In der Manie schlafe ich wenig oder gar nicht, im Gegensatz zu meinem „normalen“ Schlafbedarf von 10 Stunden, doch selbst wenn ich nach zwei bis vier Stunden Schlaf aufwache und top fit bin, schafft es mein Hirn nicht, die Verbindung dahin herzustellen, denn es geht mir ja gut und jegliche „Warnsysteme“ sind ausgeschaltet. Ein anderes Anzeichen ist, dass ich vermehrt unter Menschen gehe und unbedingt etwas unternehmen will, ganz im Gegensatz natürlich zu meiner sonst eher zurückhaltenden Persönlichkeit. Wann immer ich meinem Mann einen vollen Terminkalender für die kommenden 14 Tage präsentiere, gehen bei ihm alle Warnleuchten an, da ich sonst – im Normalzustand – mindestens einen von drei Tagen auf dem Sofa verbringen möchte.

Witzigerweise ist in diesen Phasen auch mein Sexualtrieb stärker und meine Auswahlkriterien bzgl. eines möglichen Partners nahezu nicht vorhanden, was in der Vergangenheit schon häufig dazu führe, dass ich die ein oder andere zweisame Stunde mit jemanden verbrachte, den ich nicht einmal leiden kann. Doch wenn ich manisch bin, ist mir das egal. Da ist ohnehin alles egal, weil ich durch mein Leben schwebe, als hätte ich einen nie enden wollenden Nachschub an Koks und Ecstasy, der ohne mein Zutun meine Stimmung bestimmt. Da ist eh alles toll und all mein Handeln hat keine Konsequenzen, denn die Welt in der ich dann bin, ist eine Welt in der es keinen Morgen gibt. Wenn ich was sehe, dass ich haben will, will ich es sofort haben und es führt kein Weg drum rum, außer wenn ich von etwas anderem abgelenkt werde, dann ist dieses Andere das Wichtigste in der Welt.

Und so geht es über Tage, wenn ich Pech habe, dann über Wochen und all die kleinen und großen Dinge, die ich so angestellt habe, die für mich in der Zeit keine Konsequenzen hatten, die holen mich natürlich ein. Und dann kommt das Unvermeidliche:

Das Tief

Es ist nicht immer die Folge einer Hochphase, dieses Tief. Manchmal habe ich ein Tief ohne ein Hoch gehabt zu haben, aber ich habe nie ein Hoch, ohne dass ein Tief folgt. So gesehen habe ich in Summe mehr Tiefs als ich Hochs, aber das ist nicht so wild. In den Tiefs baue ich wenigstens keine Scheiße, mache keine Schulden, vergraule keine Menschen und tue niemandem weh. In dem Tief vegetiere ich einfach vor mich hin. Ich stehe nicht auf. Ich trinke und esse nicht. Ich dusche nicht. Ich rede mit niemandem. Ich schlafe wenig und schlecht. Ich weine nicht viel, aber manchmal weine ich ohne einen bestimmten Grund. Meistens tue ich nicht nichts, sondern verkrieche mich in eine Serie oder ein PC- oder Konsolenspiel. Außer es ist ganz schlimm, dann mache ich nicht einmal mehr das. Häufig höre ich dann auch auf zur Arbeit zu gehen. Wenn es nicht ganz so fies ist, dann schaffe ich es manchmal noch meinen Arsch zum Arzt zu schleppen, um mich krankschreiben zu lassen.

Meine Ärztin weiß, dass ich manisch-depressiv bin und sie schaut mich immer mitleidig an, wenn ich kurz vor 18.00 Uhr und ungeduscht in der Praxis aufkreuze. Sie wünscht mir gute Besserung, auch wenn wir beide wissen, dass es nur eine Floskel ist. Meine Welt bricht jedes Mal ein bisschen mehr zusammen und je mehr ich mir durch mein Nichtstun verbaue, desto mehr tauche ich in die Sinnlosigkeit ein. Die Zeit vergeht dann nicht mehr, jede Minute wird zur Stunde und jeder Tag wird zu einem Jahr und gleichzeitig rennt die Zeit an mir vorbei wie nichts Gutes, denn die Woche für die ich krank geschrieben bin, fühlt sich so kurz an wie ein Tag. Einkaufen zu gehen ist für mich eine unschaffbare Expedition und eine nahezu unüberwindbare Hürde, denn ich habe dann meist nicht nur die Unlust mich mit Menschen zu umgeben, sondern häufig auch Angst vor Fremden. Manchmal schaffe ich es doch um kurz vor neun bei Lidl aufzutauchen und noch zwei bis drei Tüten Chips mitzunehmen, eher der Laden um Neun zu macht. Manchmal aber stehe ich da um kurz nach neun vor der Tür, in Sonnenbrille, Mütze und Schal, weil ich mich dann sicherer fühle, aber nur selten schaffe ich es zu REWE weiter zu gehen, der zwar länger auf hat, aber auch viel weiter weg ist. Und dann fällt mir auf, dass dich doch eh keinen Hunger habe und dass ich auch morgen einkaufen kann oder dass ich noch Nudeln da habe und die kann man auch ohne Soße essen.

Jeder Tag ist ein Kampf und mit jedem Tag wird mir alles egaler. Manchmal hört es dann wieder auf und ich schaffe es wieder zur Arbeit zu gehen – falls ich noch Arbeit habe, denn ich habe mehr als nur einen Job auf diese Weise verloren. Manchmal ist es dann schlagartig weg, wechselt gar übergangslos in die Manie. Manchmal aber geht es ganz anders aus …

Immer wieder beschließe ich zu sterben

Ich denke eigentlich immer daran zu sterben. Morgens, wenn ich meine Zähne putze frage ich mich manchmal ob ich es schaffen würde, die Zahnbürste durch meinen Hals zu rammen und auszubluten. Doch dann stelle ich mir vor, wie sich Adern in dem Kopf der Zahnbürste verfangen und wie weh so etwas täte und wie endlos lange ich da auf dem Boden läge, halbtot, die Fliesen ruinierend und mein armer Mann, der mich dann findet und die Sauerei auch noch wegwischen muss. Bahngleise sind viel schlimmer. Ich habe seit zwölf Jahren nicht einmal an einem Bahngleis gestanden, ohne dass es mir durch den Kopf ging zu springen, kurz bevor der Zug einfährt. Außer natürlich wenn ich manisch bin, aber wer will schon sterben wenn er manisch ist? Die Manie ist zum Leben da! Aber wann immer ich nicht manisch bin, ist der Todeswunsch mein ständiger Begleiter.

Manchmal ist es gar ironisch, denn mir schießt durch den Kopf ein: „Das ist grad alles so toll, ich sollte jetzt sterben, damit das für immer so bleibt“ oder ich langweile mich irgendwo so sehr, dass ich überlege einen Selbstmord zu improvisieren, nur um alle zu verwirren. Aber manchmal ist es wirklich ernst. Manchmal beschließe ich zu sterben. Manchmal gehe ich im Kopf all die Dinge durch, die ich noch machen will, eher ich ablebe: Browserhistory löchen. Konten auflösen. Mich von Freunden verabschieden. Mich mit Menschen, die mir besonders wichtig sind zerstreiten, weil ich glaube, dass sie dann von meinem Ableben nicht so sehr betroffen werden. Die Wohnung entrümpeln, damit das einer der Hinterbliebenen dann nicht mehr machen muss.

Manchmal fange ich sogar mit meiner kleinen Checkliste an, ehe sich das Tief verabschiedet und ich dann immerhin eine saubere Wohnung habe. Seit ich mit meinem Mann zusammen bin, artet das eh nicht mehr so sehr aus. Natürlich sind die Gedanken noch da, natürlich habe ich noch meine Hochs und Tiefs, aber er schafft es recht gut mich da raus zu holen. Er weiß immer (naja, fast immer) wann er mich lieber in Ruhe lassen sollte und wann er mich aufbauen muss. Er weiß auch wann er mich bremsen sollte und wann er sich einfach zurückhalten muss. Und vor allem fragt er nicht, warum ich traurig bin.

Medikamente

Natürlich habe ich eine Zeit lang Medikamente bekommen, die meinen Phasenwechsel unterbunden haben. Gleichzeitig haben sie aber auch meine emotionale Wahrnehmung komplett gehemmt und ich fühlte mich irgendwann, als würde ich die Welt – emotional gesehen – durch eine Milchglasscheibe betrachten, die auch noch alles zeitverzögert darstellt. Und manchmal es gar nicht darstellt. An „guten“ Tagen reicht meine Empathie dazu aus, um das zu fühlen was mein Gegenüber fühlt – sei es emotional oder körperlich. An solchen Tagen kann ich mir häufig nicht einmal Bilder von Verletzungen ansehen, weil es in körperlichen Schmerzen verbunden ist. Wenn jemand traurig ist, werde ich dann traurig. Wenn jemand gut drauf ist, bin ich es auch. Wenn jemand betrunken ist, bin ich auch betrunken und so weiter. Es ist unglaublich anstrengend, zum Glück aber eher selten der Fall. Normalerweise laufe ich durchs Leben und kann meine Umwelt wegfiltern. Wie jemand, der in einem Raum voller sprechender Menschen sitzt und nur das hört, was sein Gesprächspartner zu sagen hat ohne die anderen Gespräche wahrzunehmen. Dann gibt es meine tollen Phasen …

Das Hoch ist wie ein verdammter Sturm, da würde ich nicht mal merken, dass einem was fehlt, selbst wenn ihm ein Pfeil aus der Brust ragt, so egal ist mir alles und so egozentrisch bin ich dann. Das Tief. Nun das ist eine ganz andere Geschichte, denn in dem Tief glaube ich, alleine zu sein und dass mich alle – selbst Fremde – hassen, also ist meine Wahrnehmung dahingehend auch im Po. Aber an normalen Tagen macht es mir unglaublichen Spaß, irgendwo in der Gegend zu sitzen – am besten in der Bahn – und mich in Menschen reinzufühlen. Was das mit den Medikamenten zu tun hat? Alles. Denn die Medikamente, die ich bekommen hatte, haben mich zu einem emphatischen Krüppel gemacht. Es ging so weit, dass mir die Mimik von mir bekannten Personen nichts mehr über meinen Gegenüber verriet. Die Verbindung „Lächeln = Freundlich“ war für mich nicht mehr machbar. Ich musste mir Gedanken darüber machen, was ein Gesichtsausdruck bedeutet, wo ich es früher einfach wusste. Meine Medikation hat mich schlicht emotional verkrüppelt. Und dazu kommt, dass ich morgens immer geschwollene Hände und Füße hatte, also hab ich sie abgesetzt.

Und nun?

Nun bin ich darauf angewiesen, dass mein Mann mir sagt, dass ich einen Phasenwechsel habe, da ich es sonst nicht mitbekomme. Nun bekomme ich häufig Angst, wenn es mir einfach nur gut geht. Wenn ich zu viele Tage hintereinander auf dem Sofa verbringe, sorge ich mich um mich. Und der Job … nun ja … ich mag meinen Job sehr gerne, was immer eine große Hilfe ist. Gleichzeitig habe ich bei der Arbeit nicht viel zu tun, was dazu führt, dass ich auch mal eine Woche oder zwei prokrastinieren kann, ohne dass es jemandem auffällt. Und wenn es mir dann wieder besser geht kann ich das, was liegen geblieben ist, fix nacharbeiten. Aus dem Haus zu gehen ist schwierig, aber seit ich täglich mit dem Rad fahre, ist auch das besser geworden. Wenn ich früher mich verspätete und meinen Bus verpasste – der nur alle 20 Minuten fährt – war es manchmal leichter bei der Arbeit anzurufen und mich krank zu melden, als zu spät zu kommen. Mitlerweile ist es einfacher, da ich zwar eine feste Zeit habe zu der ich raus muss um entspannt radeln zu können, aber wenn ich – so wie heute – 10 Minuten später los komme, bin ich noch immer pünktlich da, ich muss dann halt nur fester in die Pedale treten.

Ich mag mein Leben wirklich gerne

Trotz allen höhen und tiefen, trotz der Krankheiten – physisch wie psychisch – bin ich ein glücklicher Mensch. Mir ist vollkommen klar, dass meine Depression mich genauso schnell töten kann wie mein Krebs, aber wie sagt man so schön: „No risk, no fun.“ Ich weiß nicht, ob es nicht genau diese beiden Dinge sind, die mich immer wieder darauf hinweisen, wie toll das Leben doch sein kann. Schließlich sitze ich manchmal im Schatten herum und schaue mir die Leute an, die sich der Sonne freuen und frage mich manchmal, wie viele dieser Sonnentage ich eigentlich noch übrig habe. Manchmal sitze ich mit dem Mann auf dem Sofa, trinke Tee und denke darüber nach, wie häufig wir es noch schaffen werden einfach nur zusammen herumzusitzen, ehe ich weg bin. Trotzdem aber mache ich Pläne für die Zukunft und ich hoffe so sehr diese Zukunft dann auch zu haben, denn diese Zukunft wird nämlich verdammt toll werden. Und falls nicht … naja … dann habe ich bis dahin wenigstens ein paar schöne Momente gehabt.

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