…über meinen Suizid

Ich bin suizidal. Das klingt in erster Linie schlimmer als es ist, denn die meiste Zeit, werde ich davon in meinem Leben nicht beeinträchtigt. Doch dann gibt es diese Momente, in denen es schlimmer ist, als sonst. Diese Tage, an denen man den Eindruck hat, dass die Sonne bereits untergeht, noch eher sie aufgegangen ist, ungeachtet dessen, dass wir Sommer haben. Diese Tage, an denen ich an der Haltestelle sitze und auf meine Bahn warte, doch lasse ich mehrere Bahnen fahren, ohne aufzustehen, denn ich kann mir nicht länger sicher sein, dass ich es schaffe einzusteigen und nicht vor sie zu springen. Diese Tage, in denen ich bei der Arbeit anrufe und bescheid sage, dass ich liebe nicht vor die Tür gehen möchte. Diese Tage an denen ich Freunde brauche.

Neulich war so ein Tag. Ich saß an der Haltestelle, wartete auf meine Bahn. Habe grade einen Bekannten verabschiedet, der in die andere Richtung musste. Es kam nicht plötzlich, nichts übermannte mich und allgemein war ich nicht verwundert, als ich mich am Rand des Bahnsteigs wiederfand und mich fragte, wie knapp ich es abpassen muss, damit der Zugführer nicht mehr halten kann. Ich dachte an ihn, seine Familie, die Folgen, die diese Entscheidung auf sein Leben haben würde. Ich fragte mich, wer mich denn überhaupt vermissen würde und welchen Sinn mein Leben hat. An all die Fehler die ich begangen habe, an all die Entscheidungen, die nichts als Leid mit sich brachten. An all die schlimmen Dinge, die in meinem Leben geschehehn sind und die, die noch auf mich kommen würden. An meinen Ehemann und daran, wie er mit meinem Ableben klar kommen würde. Nicht an meine Familie, denn diese hat für mich eine schwindend geringe Bedeutung und der Grad der Entfremdung sorgt dafür, dass sie mein Fehlen kaum mitbekommen würden. Doch an Freunde. An Menschen, die mich mögen, die mich anrufen, die mich um Rat fragen und meine Meinung schätzen. Menschen die gerne mit mir albern, die für mich da sind, wenn ich sie brauche. An meine Bekannte, die ich viel seltener sehe, als ich es mir wünschen würde, aber auch an meine Kollegen und Vorgesetzten, die mir sehr viel Verständnis und Mitgefühl entgegengebracht haben, in Anbetracht dessen, dass ich doch unter einer Krankheit leide, die oftmals schwer zu greifen ist. Ich dachte über meine Zukunft nach. Über die Dinge, die ich machen will, sei es morgen, nächste Woche oder nächstes Jahr. Über Versprechen, die ich brechen würde. Über Termine, die ich nicht einhalten würde. Über ein Leben, das ich niemals leben würde. Dies alles schwirrte in meinem Kopf, überschlug und drehte sich und benebelte meinen Verstand. Die Bahn fuhr ein. Ich setzte mich auf einen der gepolsterten Sitze und beschloss, dass ich nicht wortlos gehen kann. Fast schon aus trotz schrieb ich einen Tweet, der mir vermutlich das Leben gerettet hat.

Für mich

Ich bin einsam, öfter als ich es zugeben mag. Ich bin von Menschen umgeben und doch fühle ich mich als wäre ich aus Glas: sie sehen durch mich durch und ein jeder von ihnen kann mich zerschmettern. Ich bin nicht so selbstbewusst, wie ich gerne tue und ehrlich gesagt, machen mir die meisten „sozial situations“ eher Angst als Freude. Trotz allem habe ich in den letzten 30 Jahren gelernt mit Menschen umzugehen und meine Unsicherheiten zu verstecken. Trotzdem verletzt es mich, wenn jemand etwas schlechtes über mich sagt und auch wenn ich diesen Schmerz nicht zeige, so trage ich ihn heim, wo ich in Einsamkeit meine Selbstzweifel hege und jede neue Beleidigung auf Plausibilität prüfe. Es ist fast schon offensichtlich, dass ich keine hohe Meinung von mir selbst habe, doch an den meisten Tagen ist dies nicht weiter wild. Ich kenne meine Stärken und Schwächen. Ich weiß worin ich gut bin, welche Themen ich durchdrungen habe und bei welchen Diskussionen ich besser die Klappe halten sollte. Ich brauche keine hohe Meinung von mir zu haben, um eine gesunde Selbsteinschätzung haben zu können. Natürlich ist das nur bedingt richtig, denn wann immer ich manisch bin, geht meine Selbstüberschätzung mit mir durch und lässt mich glauben, ich sei nahezu unbesiegbar, wenn nicht gleich unsterblich. Ähnlich ist es dann natürlich in die andere Richtung. Mein depressives ich fragt sich manchmal, wie ich es überhaupt schaffe mich nicht am Frühstücksbrot zu verschlucken und geradeaus zu laufen. Doch wenn ich depressiv bin, funktioniert der rational denkende Teil meines Hirns wesentlich besser, als in der Manie. Nun, er funktioniert. Bis er es nicht mehr tut. Und dies kann allerlei Folgen haben. Bin ich suizidal, ist es häufig sehr ähnlich. Ich wiege die guten Aspekte meines Lebens mit den schlechten auf. Natürlich bin ich dabei parteiisch. Natürlich schneide ich bei diesem Vergleich sehr schlecht ab. Natürlich gehe ich mit mir selbst zu hart vor Gericht. Und natürlich finde ich mehr Gründe zu sterben, als zu leben. Denn mein Leben hat keinen Sinn. Meine Existenz bietet keinen Mehrwert. Jeder Atemzug ist Verschwendung und jedes Wort vergeblich. Bin ich depressiv, so gönne ich es mir selbst nicht zu leben. Der Rest sind lediglich Formalien.

Für die Andern

Es hilft zu wissen, dass ich nicht alleine bin. Es hilft zu wissen, dass mein Sein andere Menschen berührt, eine Bereicherung für sie darstellt und mein Fehlen mehr Kummer bereitet als mein Sein. Dabei ist es unerheblich, wie nahe mir diese Person geht. Ich weiß nicht genau warum, doch ist Quantität der entscheidende Faktor. Die Qualität hingegen hat keinen Ausschlag. Gesteht mir mein Mann, dass er ohne mich nicht fähig ist, auch nur einen weiteren Atemzug zu nehmen, so ist es gleichzusetzen mit einem Fremden, der mir schreibt, dass er meinen Blog amüsant findet und meine Artikel vermissen würde. Ich kann mir nicht erklären warum, denn im „nüchternen“ oder auch „normalen“ Zustand, kann ich nicht anders, als die Aussagen Fremder geringer zu gewichen, als jene von mir geliebten Personen. Doch welcher Teil vom „ich will mir das Leben nehmen“ ist eigentlich rational? Ich persönlich kann es im Nachhinein nicht nachvollziehen. Ich weiß nicht, was in meinem Kopf abgeht, um Selbstmord auch nur im entferntesten als eine valide Option zu betrachten. Doch hat dies meist mehr was mit Wahnsinn zu tun, als mit irgendeiner Form des rationalen oder differenzierten Denkens. Dies ist ebenfalls der Grund, weshalb ein Tweet mein Leben retten konnte. Ich habe mitgeteilt, dass ich suizidal bin. Dass es später nicht heißen soll „warum hat sie nichts gesagt?“. Mehr nicht. Die Welt außerhalb der Bahn war wesentlich spannender. Die untergehende Sonne tauchte die Wolken in die schönsten Farben, die ich mir vorstellen konnte. Ich fühlte mich selbst schmunzeln, während ich dachte, dass es doch wundervoll ist, so etwas ein letztes Mal sehen zu dürfen. Es war in diesem Augenblick, als ich beschloss zu sterben. Dann sah ich auf mein Handy und stellte fest, dass mein Postfach überläuft. Menschen reagierten und sie reagierten stark. Sie fragten nach, wollten nicht wahr haben, entgegneten mit Entsetzen und selbst ein wütender Vorwurf war dabei. Ich habe im laufe meines Lebens sechs mal versucht zu sterben. Ein Mal war ich erfolgreich. Jedes Mal war ich allein. Doch an dem Tag, als ich den schönsten Sonnenuntergang aus einer leeren S-Bahn heraus sah war ich von Freunden, Bekannten und Fremden umgeben, von jeder auf seine Art mir zeigte, wie wichtig ich doch bin. Es war der Gedanke, der mir das Leben gerettet hat und der Gedanke war, ich bin nicht länger allein.

Danach

Ich würde gerne sagen, dass das das Ende ist und ich geheilt bin. Ich würde gerne sagen, dass ich am nächsten Morgen aufgewacht bin und die Welt voller spannender Gerüche, Geschmäcker und Farben war. Ich würde liebend gern sagen, dass der Gedanke an den Freitod nie wieder platz in meinem Bewusstsein eingenommen hat, doch das kann ich nicht. Was ich sagen kann ist folgendes:

  1. Niemals sollte es „Freitod“ heißen, denn am Selbstmord ist nichts freies dran. Es gibt keinen einzigen Grund, der den Selbstmord rechtfertigen würde. Keine Krankheit, kein Schicksalsschlag, kein Leid. Sich das Leben zu nehmen, ist sein Leben aus den Händen der Menschen zu reißen, die einen lieben, brauchen und schätzen. Es ist ein selbstsüchtiger Akt der Verdammung verdient und kein Verständnis und einem jeden der suizidal ist, muss geholfen werden. Ich mag meine Entscheidung zum Suizid argumentativ schlüssig darstellen und ich mag eventuell auch meine Mitmenschen von der Idee überzeugen, doch bin ich suizidal, bin ich nicht länger Herr über meine Gedanken und gehöre im Zweifel gegen meinen Willen ins Krankenhaus gebracht. Meines Erachtens nach gilt das für jeden Menschen. Niemals sollten wir eine Gesellschaft werden, die dabei tatenlos zusieht wie sich seine Bürger umbringen. Wir sollten eine Gesellschaft sein, die mit allen Mitteln versucht, diese Menschen zu retten.
  2. Lass uns bitte drüber reden. Lass uns besser sein. Lass uns Betroffenen zuhören. Lass und Menschen, die es sich nicht vorstellen können, dass jemand sich freiwillig das Leben nehmen möchte, dieses Konzept erklären. Lass uns dieses Problem, das sich wie ein Krebs durch die Köpfe unserer Liebsten frisst, nicht verschweigen. Lass uns „Danke“ sagen, wenn uns jemand von einem Selbstmordversuch erzählt, denn es gehört eine unbeschreibliche Menge Mut dazu, über so etwas zu sprechen. Lass uns eine Gesellschaft werden, in der dieser Mut nicht mehr nötig ist, in der wir Betroffenen mit Verständnis begegnen.
  3. Ich will nicht sterben. Doch nicht sterben zu wollen, reicht einfach nicht aus. Ich habe einen Entschluss gefasst und dieser Entschluss ist der Wichtigste, den es jemals für mich gegeben hat. Er ist wichtiger als meine Entscheidung, nach Hamburg zu ziehen, wichtiger als der Entschluss meinen Mann zu heiraten, oder unser Haus zu kaufen. Der Entschluss ist gar wichtiger als mich beruflich umzuorientieren und eine Ausbildung anzufangen. Es ist sehr simpel, sehr knapp und klar und doch der wichtigste Entschluss, den ich jemals fassen kann: Ich habe beschlossen zu leben, so sehr ich nur kann.

2 thoughts on “…über meinen Suizid

  1. Mir war nicht bewusst, dass du suizidal bist.
    Und dann denkt man nach, wie man sich da verhalten sollte. Denn vielleicht kommen zwei Personen nicht sehr gut miteinander klar und Hilfe kann dann heuchlerisch wirken, was sie aber nicht sollte.

    Jedenfalls wollte ich die Macher von Sherlock zitieren:
    „Taking your own life. Interesting expression – taking it from who?
    Once it’s over, it’s not you who’ll miss it.
    Your own death is something that happens to everybody else.
    Your life is not your own. Keep your hands off it.“
    Du hast das in deiner eigenen Form wundervoll geschrieben und dich vielleicht auch dabei an dieses Zitat erinnert.

    Ich freue mich, dass du nun über diese Phase hinweg bist. Sowas soll niemand durchleben.
    Bleib am Leben.

    • Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Sympathie egal wird, sobald es um Leben und Tod geht. So sehr man jemanden verachtet, in einer lebensbedrohlichen Situation verblasst es plötzlich bis letztlich nur das Überleben im Vordergrund steht.
      Hilfe nehmen ist wiederum eine andere Geschichte. Häufig hört man „Ich sterbe lieber, als dass ich mir von dem helfen lasse.“ Ich muss zugeben, bei mir ist es nicht viel anders. Mag ich jemanden nicht, so lasse ich mir auch in einer akuten, lebensbedrohlichen Situation nicht helfen. Es liegt nicht daran, dass mir mein Leben weniger bedeutet, als der Groll den ich jemandem gegenüber hege. Es liegt viel mehr daran, dass ich in dem Moment derartig verletzlich bin, dass ich weiß, dass ein falsches Wort meines Gegenübers den Ausschlag geben könnte. Ergo ja, es hilft, wenn auch meine bittersten Feinde mir sagen, dass sie mich nicht sterben sehen wollen. Mehr als das ist jedoch nicht möglich.

      Ich danke dir in jedem Fall für deine Worte, wer auch immer du sein magst; wie auch immer wir zu einander stehen mögen; was auch immer zwischen uns vorgefallen sein mag. Die Worte haben mich bewegt, doch um ehrlich zu sein, ich kann nicht sagen, ob es auch so wäre, würde ich wissen wer du bist.

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