Auf ewig Sommer

Die Stadt erstickt. Kein Wind rührt sich und die Sonen brennt auf alles hernieder, ob Haus, ob Mensch, ob Tier. Du liegst im Bett und träumst sanft deine Träume, deine milchig weiße Haut mit winzigen Schweißperlen benetzt. Ich stelle mir gerne vor, dass du vom Winter träumst, oder zumindest vom einem kühlen Herbsttag. Die Hitze setzt dir zu, also sind wir nun in den kurzen Nächten wach und Tagsüber am Schlafen. Mein Mund ist trocken, die Zunge rau wie Schleifpapier und mein Speichel klebt wie Honig. Ich muss was trinken, doch ich will nicht. Ich will nicht aufstehen, ich will dich nicht aus den Augen lassen. Ich will nicht blinzeln, meine Augen brennen jedoch viel zu sehr. Ich habe Angst, dich zu vermissen. Ich habe Angst, das Kupfer deiner Haare zu vergessen. Ich habe Furcht, auch nur eine deiner Sommersprossen aus den Augen zu verlieren. Aber gleich wachst du auf, dann fängt mein Leben wieder an. Dann ist das kleine Zimmer nicht mehr leer und schäbig, sondern voll mit deinem Lachen.

Dann gibt es Tequilla zum Frühstück und Zitronen zum Nachtisch. Du willst dann raus, in die Stadt und den Dreck tief einatmen. Du willst dich verlieren, mich verlieren uns verlieren und am Ende doch bei mir sein. Und ich folge dir. Überall hin. Wohin du auch gehst, werde ich immer an deiner Seite sein. Ich habe nichts, was ich dir noch geben könnte, was du nicht bereits hast. Das schäbige Zimmer ist unsere Welt und die Stadt nur ein Spielplatz, in dem man sich verlieren kann. Du willst hier bleiben. Ich habe dich gestohlen und werde dich behalten, das haben wir so ausgemacht. Wenn du dann doch gehen willst, dann gehen wir, dein Wunsch ist mein Verlangen. Die Welt so groß, so weit, so wild. Irgendwo da Draußen, wird es bestimmt einen Winter geben. Einen Wind, der Kälte mit sich trägt und den Staub aus unseren Haaren weht.

Mein Mund klebt, doch ich will dich nicht wecken. Meine Haut brennt, doch bald rettet uns die Kühle der Nacht. Gleich wachst du auf und ich fange von neuen wieder zu Leben an. Gleich bist du bei mir, in meinen Armen und alles Andere wird egal sein. Die Sorge um das kaputte Auto und darum, dass wie kein Geld mehr haben. Und vor allem die Angst vor deinem Vater, der mich umbringt, wenn er uns findet und dich zurück nach Hause bringt.

Ich sehe den Zweifel, ganz tief in deinen Augen, trotz der Sommersprossen auf deiner Nase, die mich von der Wahrheit ablenken wollen. Ich habe dich gestohlen, doch kann dich nicht behalten. Er wird uns finden. Er wird dich niemals gehen lassen und unsere dämliche, kleine Flucht wird schon bald ein Ende haben. Der Sommer wird ein Ende haben, selbst hier, wo die vorstellung des Winters einer Blasphemie zu gleichen scheint. Wir haben kein Geld, ich keinen Job und ich werde dich nicht arbeiten lassen. Alles was wir haben ist unsere Jugend, die wir im vollen verschwenden können und weiter will ich nicht denken. Du denkst aber weiter. Das sehe ich in deine Augen. Meine schlechte Erziehung nervt dich und ich glaube fest daran, dass ich mich bessern kann. Ich will auch an diesen Sommer glauben, an die winzigen Schweißperlen auf deiner Haut und den Tequilla, den du gestolen hast, der zu neige geht, wie alles andere auch.

Sollten wir, oder wollen wir, oder können wir, oder lassen wir es bleiben? Wir klauen ein Auto und fahren und fahren. Du willst hier nicht weg, doch ich kann’s nicht bezahlen und deine grünen Augen werden es nicht wegblinzeln können. Ich habe dich gestohlen und dir versprochen, dass ich mich um dich kümmen werde. Ich hatte nie gadacht, dass wir es auch nur bis zu der Straße schaffen. Du bist aus dem Fenster für mich gesprungen und ich hatte dich gefangen. Dein kleiner Koffer hat so viel Lärm gemacht, dass ich wusste, dass er uns gehört hat. Mein Herz raste so schnell wie deins, als wir Hände haltend zum Auto rannten, mit jedem Herzschlag fürchtend, dass wir gleich eine Kugel im Rücken haben. Aber wir haben es geschafft, wir sind geflohen. Ich habe dich gestohlen und er wird nicht ruhen, bis er uns beide wiedergefunden hat.

Ich dachte, ich würde dich retten. Ich dachte, es würde schon irgendwie werden. Ich dachte, der Sommer nimmt nie ein Ende und wir werden für immer glücklich sein. Nie werde ich die erste Nacht vergessen, die wir zusammen verbracht haben. Ich wusste, dass ich nicht der Erste war. Er war der Erste. Doch wir würden niemals drüber reden. Du wolltest es unbedingt und hast dann doch die ganze Zeit geweint. Dann hielt ich dich fest in meinen Armen, bis du eingeschlafen warst. Du hast gezittert, aber nur bei diesem ersten Mal. Ich dachte, es würde alles gut werden, wenn ich dir nur die Angst nehmen kann, doch wie soll ich das, wenn ich selbst Angst habe, dass er uns findet? Ich kann dich nicht beschützen, ich sage das niemals. Du weißt es aber, auch wenn du mich nicht danach fragst. Wir werden sterben, du und ich, aber nicht grau und alt. Im geklauten Auto kommen wir nicht weit. Und ändern wird es auch nichts. Ich habe kein Geld und niemand schenkt zwei Schmarotzern wie uns irgendwas.

Du atmest ganz leise und flach. Ich bin jetzt so nah bei dir, dass ich deinen Atem auf meiner Haut spüren kann. Du riecht nach Sommer. Nach Staub und nach Hitze. Nach Jugend und nach Abenteuer. Ich denke an dein Lachen, daran wie es geklungen hat. Ich zähle deine Sommersprossen, verzähle mich, gebe es auf. Ich nehme eine Strähne von dem Kupfer auf deinem Haupt. Ich rieche an ihr, fühle sie, als wäre es das erste Mal. Ich berühre deine schweißbenetzte Haut, so sanft wie ich es nur kann. Du lächelst, als du mich siehst. Dann runzelst du die Stirn. Ich gebe dir nicht die Zeit irgendwas zu fragen. Ich lege dir meine Hand auf Mund und Nase und drücke so fest wie ich kann. Die Klage in deinen wunderschönen, grünen Augen bricht mir das Herz, doch das letzte, was ich gehört habe, wird dein Lachen gewesen sein. Du zappelst, du kratzt, du tust was du kannst, dann, nach einer Weile erst, wird dein Körper schlaff. Ich drücke dich an mich und sage, dass es mir leid tut. Meine Tränen laufen über deinen Rücken, vermischen sich mit deinem Schweiß. Du bist so warm, so voller Leben. Du schläfst jetzt nur und träumst vom Sommer. Er ist im Treppenhaus. Ich weiß, dass er mich töten wird. Ich weiß, dass er dir nichts mehr tun kann.

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